Die somatosensorische Wahrnehmung taktiler Vibrationsreize bei Gesunden und Patienten mit depressiver Störung sowie deren Beeinflussbarkeit durch die Rubber Hand Illusion

DSpace Repositorium (Manakin basiert)


Dateien:

Zitierfähiger Link (URI): http://hdl.handle.net/10900/184487
http://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:21-dspace-1844874
http://dx.doi.org/10.15496/publikation-125800
Dokumentart: Dissertation
Erscheinungsdatum: 2026-10-16
Sprache: Deutsch
Fakultät: 4 Medizinische Fakultät
Fachbereich: Medizin
Gutachter: Plewnia, Christian (Prof. Dr.)
Tag der mündl. Prüfung: 2026-06-17
DDC-Klassifikation: 610 - Medizin, Gesundheit
Lizenz: http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/doku/lic_ohne_pod.php?la=de http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/doku/lic_ohne_pod.php?la=en
Zur Langanzeige

Inhaltszusammenfassung:

Die Depression ist eine sehr häufige psychiatrische Erkrankung, bei der die Betroffenen unter einem hohen Leidensdruck stehen. Zudem hat der Formenkreis depressiver Störungen relevante gesundheitspolitische und volkswirtschaftliche Auswirkungen. Es gibt bereits Hinweise auf Beeinträchtigungen unterschiedlicher Sinneswahrnehmungen bei Patienten mit depressiver Störung (lokale Hypästhesie, verringerte visuelle Kontrastwahrnehmung, reduzierte olfaktorische Wahrnehmung; Vgl. 4.2.1). Dies ist jedoch die erste Studie, die eine herabgesetzte Wahrnehmung von taktilen Vibrationsreizen beschreibt. Die vorliegende Arbeit untersuchte die somatosensorische Wahrnehmung taktiler Vibrationsreize bei 40 Patienten mit depressiver Störung im Vergleich zu 34 Gesunden und ihre Beeinflussbarkeit durch die Induktion der Rubber Hand Illusion (RHI). Dabei wurden vor und nach Anwendung der RHI jeweils 100 Vibrationsreize unterschiedlicher Intensität appliziert, welche es der Stärke nach einzuordnen galt. Mittels RHI-Induktion wurde ein der Dissoziation nahestehender Zustand erzeugt. Die generelle Neigung zu dissoziativen Symptomen wurde mittels FDS-20 gemessen. Für die Beurteilung der RHIIntensität diente der „Fragebogen zur Illusionstiefe“ sowie der propriozeptive Drift. Das akute dissoziative Erleben wurde nach RHI-Induktion mittels DSS-akut erfasst. Es konnte gezeigt werden, dass bei Patienten mit depressiver Störung im Vergleich zu Gesunden eine defizitäre somatosensorische Wahrnehmung von taktilen Vibrationsreizen besteht. Zudem stellten wir fest, dass Patienten mit depressiver Störung signifikant häufiger zu dissoziativen Symptomen neigen. Die RHI-Intensität wies hingegen auf keinen signifikanten Unterschied zwischen Patienten mit depressiver Störung und Gesunden hin. Patienten mit depressiver Störung reagierten jedoch auf die RHI-Induktion mit erhöhtem dissoziativem Erleben. Unter Anwendung der RHI wiesen die Patienten keine weitere Herabsetzung der taktilen Wahrnehmung auf. Bei Gesunden hingegen verschlechterte sich die somatosensorische Wahrnehmung taktiler Vibrationsreize unter Anwendung der RHI signifikant im Vergleich zur Prä-RHI. Diese Ergebnisse wurden vor dem Hintergrund der aktuellen Studienlage diskutiert. So gibt es einige Hinweise, dass der Stellenwert dissoziativer Zustände bei Patienten mit depressiver Wirkung bisher unterschätzt wurde. Die vorliegende Studie ist die erste, die mittels RHI einen der Dissoziation ähnlichen Zustand bei Patienten mit depressiver Störung und Gesunden hervorrief. Da bereits in der Literatur Belege für exterozeptive Wahrnehmungsstörungen bei Patienten mit depressiver Störung vorliegen, liefert die vorliegende Studie neue Erkenntnisse zur Wahrnehmung taktiler Vibrationsreize und deren Reiz-Diskriminationsfähigkeit und betrachtet diese vor dem Hintergrund hirnstruktureller Veränderungen beteiligter Hirnareale und kognitiver Hirnfunktionen. Neben bereits in der Literatur beschriebenen Wahrnehmungsstörungen bei Patienten mit depressiver Störung (lokale Hypästhesie, visuelle und olfaktorische Beeinträchtigungen) liefert die vorliegende Studie durch eine veränderte taktile Wahrnehmung unter Prä-RHIBedingung weitere Hinweise auf ein somatosensorisches Defizit. Inwieweit hirnstrukturelle Unterschiede zu Gesunden diese Wahrnehmungsveränderungen bei Patienten mit depressiver Störung bedingen, muss in weiteren Studien erforscht werden. Unter RHI-Bedingung kommt es lediglich bei Gesunden zu einer Verschlechterung der Reizdiskriminations-Fähigkeit taktiler Vibrationsreize, obwohl sich Patienten mit depressiver Störung und Gesunde hinsichtlich der RHI-Intensität nicht unterscheiden. Womöglich stellt sich bei Patienten mit depressiver Störung ein Floor-Effekt dar, der durch eine bereits zu Anfang reduzierte somatosensorische Wahrnehmung zu keiner weiteren Verschlechterung der Reizdiskrimination führt. Ebenso wäre eine motivational bedingte herabgesetzte Wahrnehmung der taktilen Vibrationsreize möglich. Es konnte aber festgestellt werden, dass Patienten mit depressiver Störung im hohen Ausmaß stärker zu dissoziativen Symptomen neigen als Gesunde und dies auch positiv mit dem akuten dissoziativen Erleben nach RHI-Induktion korreliert. Zusammenfassend hebt die vorliegende Studie die Wichtigkeit der Diagnostik dissoziativer Symptome bei Patienten mit depressiver Störung hervor.

Das Dokument erscheint in: