Inhaltszusammenfassung:
In diesem Beitrag werden einige der wesentlichen Annahmen gegenwärtiger deutscher Kriminologie kritisiert. Im Mittelpunkt des Interesses stehen (1) der Mehr-Faktoren-Ansatz der deutschen Kriminologie, der die Konstruktion von Theorien verhindert, und (2) der kriminologische Essentialismus sowie seine politische Funktion. Die legitimierenden Funktionen des Essentialismus werden an kriminologischen Aussagen zu der Frage aufgewiesen, welche strafbaren Handlungen als mehr oder weniger kriminell gelten können. Diese Entscheidung variiert mit dem sozialen Status der Delinquenten. Der Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen deutschen Kriminologie folgen Überlegun- genzu einer neuen Orientierung kriminologischer Forschung. Ausgehend von der interaktionistischen Devianztheorie hätte eine solche kriminologische Forschung die „Ursachen der Kriminalität" darauf hin zu untersuchen, inwieweit sie Anknüpfungspunkte für die Vergabe des Merkmals „kriminell" darstellen. Das bedeutet: Der Hauptgegenstand einer solchen Kriminologie sind die Instanzen sozialer Kontrolle. Ihre Kriterien für die Zuschreibung der Bedeutung „kriminell“ drücken die Struktur sozialer Ungleichheit aus und stabilisieren sie.