Inhaltszusammenfassung:
Die Metachromatische Leukodystrophie (MLD) ist eine seltene lysosomale Speichererkrankung, welche durch die Anreicherung ungespaltener Sulfatide zu einer zentralen wie peripheren Demyelinisierung und damit zu schweren neurologischen Symptomen führen kann. Ein häufiges, doch bisher wenig berücksichtigtes, neurologisches Symptom stellen epileptische Anfälle dar. Gründe hierfür könnten sein, dass die Pathogenese epileptischer Anfälle nicht direkt mit der Demyelinisierung in Verbindung gebracht, sondern vielmehr als Symptom von Erkrankungen der grauen Substanz angesehen wird. Zudem wurde sich der Verbreitung, Bedeutung und Art der epileptischen Anfälle bei MLD bisher nur in wenigen Studien mit geringen Fallzahlen und kurzen Beobachtungszeiträumen angenähert.
Ziel dieser Arbeit war es daher, auf Grundlage der seit 2006 geführten Leukonet-Datenbank, epilepsiespezifische Daten zu erheben und auszuwerten, um dadurch mit einer möglichst großen Stichprobe Prävalenz, Ausprägung und klinische Bedeutung der Epilepsie bei MLD zu untersuchen.
Es wurde eine retrospektive Analyse von 116 MLD-PatientInnen durchgeführt.
Es konnte durch diese Querschnittserhebung gezeigt werden, dass epileptische Anfälle im Krankheitsverlauf häufig auftraten – häufiger und signifikant frühzeitiger bei den MLD-Formen mit frühem Erkrankungsbeginn.
Das Auftreten epileptischer Anfälle korrelierte mit dem Fortschreiten der Erkrankung. Der Großteil der spät-infantilen und früh-juvenilen Betroffenen befand sich zum Zeitpunkt der ersten Epilepsie bereits in einem fortgeschrittenem Stadium sowohl in motorischer als auch in kognitiv/sprachlicher Hinsicht, wohingegen sich die spät-juvenilen und adulten PatientInnen als variabler hinsichtlich des Anfallsbeginns darstellten. Auch der Verlust des Freien Gehens, was als Beginn der schweren Krankheitsprogression angesehen werden kann, führte nur bei den Formen des frühen Beginns zu einem anschließend gehäuften Auftreten von ersten epileptischen Anfällen. Die Symptomqualität bei Erkrankungsbeginn stellte keinen prädiktiven Faktor in Bezug auf das Auftreten epileptischer Anfälle dar.
Hinsichtlich der Anfallsformen wurden am häufigsten fokale und fokal zu bilateral tonisch-klonische Anfälle beobachtet. PatientInnen mit frühem Erkrankungsbeginn zeigten eine häufigere Anfallsfrequenz und eine schwierigere medikamentöse Anfallskontrolle. Dies spiegelt sich auch in der subjektiven Einschätzung zur Auswirkung auf die Lebensqualität wider. Insgesamt wurde die Auswirkung der epileptischen Anfälle auf die Lebensqualität betroffener Kinder von mehr als einem Drittel der Eltern als starke oder sehr starke zusätzliche Einschränkung beschrieben.
Spezifische epilepsietypische Veränderungen im EEG konnten sowohl bei PatientInnen mit als auch ohne bisheriges epileptisches Anfallsgeschehen auftreten, v.a. aber bei Kindern mit Epilepsie und am ausgeprägtesten in der klinisch stärker betroffenen Kohorte des frühen MLD-Erkrankungsbeginns. Die Allgemeinveränderung im Sinne einer Verlangsamung war ebenfalls gehäuft bei MLD-PatientInnen mit frühem Erkrankungsbeginn nachzuweisen und ging bei dieser Kohorte mit einem stark progredienten motorischen Status einher.
Diese Ergebnisse zeigen, dass das frühzeitige Erkennen und die Behandlung der Epilepsie bei MLD-Patienten aufgrund der hohen Prävalenz und der erheblichen Auswirkungen auf die Lebensqualität von entscheidender Bedeutung sind.