Patienten und ihre Behandlung durch Studierende in der Poliklinik für Zahnerhaltung – eine quantitative und qualitative Analyse

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Zitierfähiger Link (URI): http://hdl.handle.net/10900/180748
http://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:21-dspace-1807488
Dokumentart: Dissertation
Erscheinungsdatum: 2026-06-12
Sprache: Deutsch
Fakultät: 4 Medizinische Fakultät
Fachbereich: Zahnmedizin
Gutachter: Wolff, Diana (Prof. Dr.)
Tag der mündl. Prüfung: 2026-05-04
DDC-Klassifikation: 610 - Medizin, Gesundheit
Lizenz: http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/doku/lic_ohne_pod.php?la=de http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/doku/lic_ohne_pod.php?la=en
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Inhaltszusammenfassung:

Angesichts rückläufiger Patientenzahlen und einer demografisch bedingten Zunahme älterer, multimorbider Patienten gestaltet es sich zunehmend schwieriger, dem Ausbildungsstand der Studierenden entsprechende Behandlungsfälle zu gewinnen. Ziel der vorliegenden Arbeit war daher eine quantitative und qualitative Analyse der Patientenbehandlung durch Studierende an der Poliklinik für Zahnerhaltung der Universität Tübingen. Untersucht wurden die Beweggründe und Modalitäten der Inanspruchnahme, die Zufriedenheit sowie geäußerte Kritikpunkte. Zudem wurden soziodemografische und medizinische Merkmale des Patientenkollektivs, mit besonderem Fokus auf komplexe allgemeinmedizinische Befunde und Risikofaktoren, sowie dentale Diagnosen und durchgeführte Behandlungen erfasst. Eine ergänzende Betrachtung umfasste neben dem zeitlichen Aufwand die finanziellen Rahmenbedingungen und die individuelle Kosteneinsparung. Zur Beantwortung der Fragestellungen wurde ein Mixed-Methods-Ansatz gewählt. Die retrospektive Datenerhebung erfolgte bei 297 Patienten der Studierendenkurse und Examina des Wintersemesters 2020/2021 und Sommersemesters 2021. Im qualitativen Studienteil wurde mittels standardisierter Fragebögen unter anderem nach den Beweggründen für die Wahl der Studierendenbehandlung, Terminwahrnehmung, Anfahrtsmodalitäten, Kosten, Zufriedenheit, Kritikpunkten und Weiterempfehlungsbereitschaft gefragt. Der quantitative Studienteil umfasste die Analyse digitaler Patientenakten hinsichtlich Alter, Geschlecht, Erkrankungen, Medikationen, Allergien, Konsumgewohnheiten und Risikofaktoren. Zusätzlich wurden zahnmedizinische Diagnosen und Behandlungsmaßnahmen, die Anfahrtsstrecken, Anreise- und Behandlungskosten sowie die Behandlungsdauer erfasst. Die Ergebnisse wurden deskriptiv ausgewertet und mit publizierten Daten verglichen. Die qualitative Befragung identifizierte die Zufriedenheit mit bisherigen Behandlungen als zentralen Beweggrund für die Inanspruchnahme, gefolgt von persönlichen Empfehlungen und den geringeren Kosten. Ein Großteil der Befragten war bereits zuvor als Patient in der Studierendenbehandlung. Neue Patienten wurden vorrangig durch Empfehlungen von Bekannten und Hinweise von Mitarbeitern der Zahnklinik auf diese aufmerksam. Die Zufriedenheit mit Kursorganisation und Behandlung war hoch und lag bei 93,7 %. Kritisiert wurden vor allem die Wartezeiten auf einen Termin, telefonische Erreichbarkeit und lange Behandlungsdauer. Dennoch würden 79,4 % der Befragten die Behandlung weiterempfehlen. Ein großer Anteil der Patienten befand sich im Ruhestand (33,7 %) und reiste mit dem eigenen PKW (72,7 %) an. Die quantitative Analyse ergab ein durchschnittliches Patientenalter von rund 55 Jahren, welches über dem der deutschen Gesamtbevölkerung von rund 45 Jahren lag [105]. Krankheiten des Kreislaufsystems, vorrangig Hypertonie, waren mit 57,2 % die häufigste Erkrankungsgruppe und deutlich häufiger vertreten als in der nationalen Bevölkerung (39,3 %) [34]. Stoffwechselerkrankungen, insbesondere Diabetes mellitus Typ 2, wiesen eine ebenfalls hohe Prävalenz von 28,3 % auf. Mit diesen Erkrankungen bestanden gehäuft systemische Risikofaktoren für den Verlauf oraler Erkrankungen. Zusätzlich lagen bei rund einem Drittel der Patienten spezifische Risikofaktoren für die zahnärztliche Behandlung vor. Multimorbidität (43,6 %) und Polypharmazie (28,2 %) traten häufiger auf als im Bevölkerungsdurchschnitt (39,6 % bzw. 25,0 %) [140, 156]. Bei den dentalen Diagnosen dominierten kariöse Läsionen, insuffiziente Restaurationen und Parodontalerkrankungen. Die durchgeführten Behandlungen bilden das vollständige Spektrum der Zahnerhaltung ab, wobei der Anteil an Parodontalbehandlungen den bundesweiten Durchschnitt übertraf [120]. Die einfache Anfahrtsstrecke betrug im Median 20,5 Kilometer. Über den gesamten Betrachtungszeitraum betrugen die Anreisekosten durchschnittlich 51,4 € und die Ersparnis durch die Teilnahme an der Studierendenbehandlung durchschnittlich 129,0 €, woraus eine tatsächliche finanzielle Ersparnis von durchschnittlich 77,6 € resultierte. Demgegenüber stand eine Behandlungsdauer von durchschnittlich 2,6 Stunden pro Termin. Die Ergebnisse belegen, dass die Patientenzusammensetzung den demografischen Wandel widerspiegelt und Studierende zunehmend mit umfangreichen allgemeinmedizinischen Befunden konfrontiert sind. Angesichts des älteren, teils sozioökonomisch benachteiligten Patientenkollektivs mit erhöhter Morbiditätslast bietet das Versorgungskonzept den Studierenden eine wertvolle Gelegenheit, praxisnah Kompetenzen im Umgang mit komplexen Patienten zu entwickeln. Die erhöhte Prävalenz von Multimorbidität und Polypharmazie verdeutlicht dabei die Notwendigkeit einer curricularen Ausrichtung der Ausbildung auf diese Herausforderungen. Um die Attraktivität der Studierendenbehandlung langfristig zu sichern, sollte die hohe Patientenzufriedenheit weiterhin gezielt gefördert und kommuniziert werden. Besonders die positiven Behandlungserfahrungen haben sich als entscheidende Faktoren für die Inanspruchnahme erwiesen und sollten aktiv in die Patientenansprache integriert werden. Da die Patientengewinnung überwiegend über Mund-zu-Mund-Propaganda erfolgt, empfiehlt sich eine systematische Stärkung dieses Kanals, beispielsweise durch Patienten-werben-Patienten-Aktionen. Gleichzeitig sollten die identifizierten Kritikpunkte reduziert werden, um die Patientenzufriedenheit weiter zu steigern und die Bindung zu bereits etablierten Patienten zu festigen. Angesichts der teils erheblichen Anfahrts- und Zeitkosten ist eine transparente Kommunikation des individuellen Nutzens, insbesondere der hochwertigen Versorgung bei reduzierter Eigenbeteiligung, von zentraler Bedeutung. Zukünftige Untersuchungen könnten evaluieren, inwieweit strukturelle Anpassungen – etwa im Terminmanagement oder in der Patientenkommunikation – die Patientenzufriedenheit weiter steigern und so die Nachhaltigkeit des Versorgungskonzepts sichern.

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