Inhaltszusammenfassung:
Die zunehmede Prävalenz von Hörverlust stellt eine wachsende Herausforderung des
demografischen Wandels dar. Hierbei fallen häufig Sprachverstehensdefizite,
insbesondere im Störgeräusch, auf, bevor ein manifester Hörschwellenverlust
nachweisbar wird. Meist sind altersbedingte oder erworbene Hörstörungen Ursache der
Hörminderung. Ziel dieser Studie war es, den Einfluss verschiedener Abschnitte der
auditorischen Bahn auf die Entwicklung von Sprachverstehensdefiziten zu analysieren.
Die Kohorte von 89 Teilnehmern im Alter von 18 bis 76 Jahren wurde in junge, mittelalte
und ältere Personen, mit und ohne subjektiv wahrgenommenen (aber nicht
diagnostizierten) Hörverlust eingeteilt. Die Teilnehmer durchliefen eine Reihe
audiologischer
Untersuchungen,
bestehend
aus
Tonaudiometrie,
gepulsten
Distorsionsprodukten otoakustischer Emissionen (pDPOAEs), akustisch evozierten
Hirnstammpotenzialen
(ABR),
auditiven
steady-state-responses
(ASSR),
Sprachverstehen (OLSA) sowie Silbenunterscheidung in Ruhe und im Störgeräusch.
Die Hörschwellen nahmen am deutlichsten im erweiterten Hochfrequenzbereich (11,2
16 kHz) ab, was sich auch auf die Amplituden der ABR-Wellen bei niedrigeren
Frequenzen auswirkte. Um Unterschiede der Sprachverstehensleistung unabhängig von
Hörschwellenunterschieden und Alterseffekten zu untersuchen, wurde die OLSA
Schwelle normalisiert berechnet, jeweils in Ruhe und im Störgeräusch. Dabei zeigten
sich Unterschiede im Sprachverstehen sowohl in Ruhe als auch im Störgeräusch – und
zwar in allen untersuchten Altersgruppen.
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Konkret zeigten Teilnehmende mit schlechtem Sprachverstehen in Ruhe vergleichsweise
geringere pDPOAE-Werte, was auf eine reduzierte Funktion des cochleären Verstärkers
hinweist, sowie mittels ABR niedrigere Amplituden und verzögerte Wellen. Zudem
schnitten sie schlechter bei der Unterscheidung von Vokalphonemen unterhalb des Phase
Locking-Limits (/o/-/u/) ab.
Umgekehrt zeigten Teilnehmende mit schlechtem Sprachverstehen im Störgeräusch
höhere pDPOAE-Werte – ein Hinweis auf eine bessere Funktion des cochleären
Verstärkers – sowie größere ASSR-Amplituden, höhere unangenehme Lautheitspegel
und schlechtere Leistungen bei der Unterscheidung von Vokalphonemen oberhalb der
Phasen-Locking-Grenze (/i/-/y/).
Dies führte zur Gesamtinterpretation, dass eine gestörte basiliäre Membrankompression
mit reduziertem Sprachverstehen im Störgeräusch assoziiert ist – verursacht durch
beeinträchtigte Hüllkurvencodierung. Deutlich wurde dabei – entgegen bisheriger
Annahmen –, dass sowohl gutes als auch schlechtes Sprachverstehen unabhängig von
Hörschwellen (PTTs) und Alter auftreten kann. Dieses Phänomen macht deutlich, dass
dringend verbesserte diagnostische Verfahren zur Erfassung der Schallverarbeitung beim
Reizbeginn in der klinischen Routine erforderlich sind.